POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de)

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun die Geschichte 2/20:

Stresstest

Wieder mal Ostbahnhof. Erste Rücke der dritte bin ich. Hinter mir legt einer der alten Ost-Kollegen an, steigt aus, geht zu seinen Kumpels auf der anderen Seite. Ich kann mit denen nix anfangen. Hab schon zu viele Scheißsprüche aus deren Kleingruppen gehört. Alte weiße Männer, die körperlich immer mehr abbauen und offenbar einen Hass auf ihr Leben und die Welt im Allgemeinen haben. So kommt es mir jedenfalls vor. Mit einigen von denen hatte ich auch schon kurze Pöbeleien. Meist deshalb, weil die dich blöd anmachen, wenn du nicht unmittelbar vorziehst, sobald vor dir Platz ist. Und da geht es um Zeiträume von wenigen Sekunden. Die lauern da richtig drauf und haben Bock drauf, sich dann zu streiten. Und ich kann mein Maul nicht halten und leg mich mit denen an. Ich mag mich dann nicht, weil ich meinen Jähzorn kaum unter Kontrolle bringen kann. Und wegen so'nem Scheiß muss das echt nicht sein.

Seit ich nur noch Tagschichten fahre, passieren andere Sachen als nachts. Mehr Leute, die zum Arzt müssen, Dialysepatienten, Krankenhausfahrten, viele alte Menschen. Solche und solche. Neulich kommt da eine circa 80jährige Dame mit einem Rollator an und begrüßt mich mit „Hallo mein Schatz!“. Sowas hab' ich gerne. Lebensenergie! Immer frech raus damit. Eine andere lobt mich: „Guten Tag! Pünktlich wie der preußische Adel!“ und sagt später als sie über ihre Geburtsstadt redet: „Da ist alles noch in Ordnung! Alles deutsch!“ Ich frage immer noch nach, was die Leute meinen, wenn sie sowas sagen und es stellt sich raus, dass sie sich ehrenamtlich um Geflüchtete kümmert und Pegida scheiße findet. So ist das, die Leute kriegen diese Widersprüchlichkeiten locker unter einen Hut. SUV fahren und aber gegen den Braunkohletagebau auf die Straße gehen. Deutsch positiv deklarieren, aber den Holocaust auch schlimm finden. Die Nationalhymne singen, aber Linke wählen. Akkordeon spielen, aber Punk gut finden. Taxifahren, aber Fleisch essen. Handballspielen, aber in Schweinfurt leben. Schokolade mögen, aber Willi heißen...äh...

Manchmal tut mir das gut, wenn so viele Halbtote bei mir ins Taxi einsteigen und mir ihre Geschichten erzählen. Dann merke ich immer, wie gesund ich noch bin und freu mich. Der Verkehr und die Aufgeregtheiten in den Straßen werden krasser. Soviel Unruhe in dem ganzen Feinstaub. Soviele zerschossene Träume in den Köpfen. Soviel Mobilität eingesperrt in Blech. Jeden Tag Tote und Verletzte deswegen. Freundlichkeit als die Ausnahme von der Regel. Und ich mittendrin. Mittlerweile auch angezählt, angeschlagen. Es macht mir was aus, dass um mich herum der Stress tanzt. Routinemodus. Lass es nicht an dich ran. Mir wird das alles zuviel. Auch die Fahrgäste. Aber dann denk ich wieder an sie...die 80jährige mit dem Rollator...“Hallo mein Schatz!“. Genau! So geht Leben. Die Erinnerung lädt mich wieder auf. Mach' mal ein entspanntes Gesicht, mach' dich locker! „Hey Kollege!!! Kannste ma' vorziehen???“ brüllt mich einer an. Scheibe runter,...und „Klar du Honk! Ich hab dich auch lieb!“

PS: Hatte hier übrigens in den letzten Monaten ausschließlich alte Geschichten veröffentlicht. Das fiel aber lediglich einem Freund auf, ihr Luschen!

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