POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 1/18:

VERLIEBTES PAAR KÜSST EUCH MA'!

In der Neuköllner Hermannstraße winken mich freudig erregt ein junger Mann und eine junge Frau ab. Sie steigen gutgelaunt hinten ein und wollen zum Schlesischen Tor. Beide sind so Mitte 20, Informatik-Student_innen oder vielleicht auch Schnürsenkelverkäufer_innen. Reine Mutmaßungen, habe sie ja nicht gefragt. Nach der Fahrzielansage fangen sie direkt an zu knutschen. Da sie sich auf engstem Raum präzise in der Mitte der Rückbank platziert haben, kann ich im Rückspiegel alles sehen. Ich kann es aber auch hören. Es schmatzt hin und wieder ein bisschen. Außerdem höre ich noch, wie sich die Winterklamotten aneinander reiben und ihre Hände darüber hinwegstreichen wie ein Messer übers Brot. Die haben sich wohl ganz gerne. Soll mir recht sein. Menschen, die sich hassen, sehe ich jeden Tag, da tun mir ein paar verliebte Knutschköppe auch mal ganz gut, auch wenn sie ein wenig schlabbern beim Küssen. Plötzlich muss ich verkehrsbedingt abrupt bremsen und die beiden fallen mir fast gemeinsam zwischen die beiden vorderen Sitze. Dabei lösen sich ihre Lippen kurz voneinander und sie kommentiert das mit einem kurzen“Upps, hast du dir weh getan?!“ Sie meint natürlich nicht mich, sondern ihren Knuffi. Er schaut kurz verwirrt auf, blickt 2 Sekunden auf die Straße, hört mein „Sorry!“ und vertieft sich wieder in das Gesicht seiner Begleiterin. Ich freue mich, dass sie sich nicht stören lassen. Das ist ein gutes Zeichen. Gefühle gehen am Besten ohne Nachdenken nämlich. Und die beiden Techteltassen sind auf einem guten Weg, sich komplett zu vergessen. Seit die Mariannenstraße im Laufe des letzten Jahres zur Einbahnstraße gemacht wurde, ist der kürzeste Weg zum Schlesi nun quer durch den Reuterkiez. Erst kurz vorher fällt mir ein, dass ich da komplett über Kopfsteinpflaster fahren werde und schließe innerlich amüsiert eine Wette mit mir selbst ab: Sie werden nach spätestens 30 Sekunden mit dem Knutschen aufhören! Ich bin mir sicher. Küssen im Auto ist eh schwierig, aber mit Gehuckel, das geht dann gar nicht mehr gut, weil die Zähne aufeinander schlagen oder weil du mit den Köppen rythmisch unkontrolliert aneinander krachst. Das Kopfsteinpflaster fängt an, ich schaue in den Rückspiegel. Die machen einfach weiter. Noch 20 Sekunden, dann müssen die doch mal aufhören...denkste...nix,...im Gegenteil, die machen doller. Und dann gebe ich extra etwas Gas und umfahre schwungvoll einen in zweiter Reihe parkenden PKW. Meine Fahrgäste küssen sich unbeirrt weiter. Whow! Das nenne ich mal gute Balance im „sich fallen lassen!“ Das ist sowas wie die erste Liga der Verknalltheit. Erst als ich wieder auf der glatten Ohlauerstraße fahre, bemerken sie eine Veränderung und hören plötzlich kurz auf. Nachdem sie aber sehen, dass wir noch nicht ganz am Ziel sind, nimmt das intensive friedvolle körperliche Begehren erneut seinen feuchten Lauf. Mich macht es froh! Nicht, weil sich da der Voyeur aus mir herauspellen würde, sondern weil Menschen immer so miteinander kommunizieren sollten und weil sie es viel zu selten tun. Das hat nichts Berechnendes, nichts Überlegtes, nichts Effizientes...Und so sollte das Leben sein. Schneide ich mir eine Scheibe von ab!

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