POCKETPUNK

Januar 2022

Yok the brain

Hermannplatz. Funkauftrag. Kleine Hausnummer in der Pannierstraße. Dann muss es die kleine Pannier sein. Das weiß der Profi, also ich. Gibt ja so Straßen, die haben ein sehr langes Stück und ein kurzes auf der anderen Seite, was keine*r kennt. Aber ich bin da ein Auskenner. Zumindest in Neukölln. Der Typ, der einsteigt, wirkt mürrisch. Naja, es ist noch früher Vormittag, da habe ich selbst auch noch keine Sonne im Gesicht. Aber sieht ja niemand. Trage ja Maske. Der junge Mann will in die „Libauerstraße in Kreuzberg“. Das klingt so selbstverständlich, dass mein Gehirn zwar rattert, ich aber schon mal losfahre, denn in Kreuzberg kenne ich jede Straße. Wird mir schon zügig einfallen. Aber nee, mein Kopf zeigt keine Ergebnisse an, spuckt nur die Liberdastraße aus, aber die ist in Neukölln und nur 500 Meter entfernt. Ich frage nach und er ist schon direkt ein bisschen genervt. „Na, da bei der Warschauer Brücke in der Nähe!“ erklärt er müde gereizt. Ich fahre wieder die körpereigene Festplatte hoch und erziele genau einen Treffer. In der Libauer war mal eine Nazikneipe, die „der Baum“ hieß. Da war ich mal auf einer Demo dabei. Ansonsten ist das eine unscheinbare winzige Straße in...äh Friedrichshain. Ich sage also „Die ist aber in Friedrichshain, oder!?“ Er so: „Ach, ist das schon Friedrichshain?“ Ich bin irritiert, denn Friedrichshain und Kreuzberg sind durch die Spree getrennt. Das eine war mal Osten, das andere Westen. Da gibt es nix zu verwechseln eigentlich. Aber er hat offenbar den gemeinsamen Verwaltungsbezirk im Kopf und da verschwimmt dann die geografische Klarheit. Egal! Schnell puzzelt mein Gehirn den kürzesten Weg zusammen und los geht’s. Nach etwa 3 Minuten wird er wacher und murmelt irgendwas von „geiler Weg“. Ich denke, dass er was zu nörgeln hat, aber es stellt sich heraus, dass er die Strecke lobt. Noch nie wäre eine*r mit ihm hier lang gefahren, aber das sei der beste Weg. Er freut sich, dass ich das so mache und fängt an, Geschichten zu erzählen, wie er sich schon mit etlichen Kolleg*innen in der Wolle hatte deswegen. Mit einem hätte er sich sogar geprügelt. Kurios, denke ich und bin gleichzeitig froh, dass ich offenbar keinen Fehler gemacht habe. Dann kommen wir knapp 10 Minuten später in der Libauer an und ich frage ihn nach der Hausnummer. Er schaut schläfrig aus dem Fenster und ist verunsichert. „Äh...hier ist das nicht...ich muss in die...äh...wie heißt die noch...äh...“ Da sei ne Kirche um die Ecke und das wäre ne Sackgasse. Diese erneute Suchanfrage landet direkt in meinem Hippocampus. Zwei Sekunden später sage ich „Kreutzigerstraße?“ Er ist begeistert! „Ja genau! Aaalter, du kennst dich echt gut aus!“ Klar kenn ich die Kreutziger. Hausbesetzungen/ Randale/ Straßenfeste/ Mainzerstraße um die Ecke/ Bullen und Verletzte. Ich frage meinen mittlerweile sehr aufgeschlossenen und freundlichen Fahrgast, ob er auf dem Weg zur Arbeit sei. Da meint er „Nee, ich muss zu ner Frau. Die will mit mir ficken!“ Okay...!? Für weitere Nachfragen bleibt keine Zeit mehr. Der Taxameter zeigt 14,90 an. Er unterbreitet mir fröhlich, dass er noch nie so wenig für die Strecke gezahlt hätte und überlässt mir 20 Tacken mit einem freundlichen „Tschüss“. „Viel Spaß beim Ficken!“ denke ich, mag es aber nicht aussprechen, sondern drehe etwas amüsiert weiter meine Runden und fühle mich wie Supertaxifahrer!

Kleine Zusatzinfo: Das Team um Eleanor Maguire durchleuchtete nun mit Kernspintomographie die Gehirne von 16 männlichen Taxifahrern in London und 50 Kontrollpersonen. Und tatsächlich scheint der mentale Stadtplan deutliche Spuren im Gehirn zu hinterlassen: Der hintere Hippocampus der Taxifahrer war deutlich größer und anders geformt als der ihrer Mitmenschen. Und je länger sie schon andere durch die Gegend kutschierten, desto ausgeprägter war der Unterschied. Also scheint die wachsende Erfahrung und nicht eine bereits vorhandene Orientierungsfähigkeit dafür verantwortlich zu sein, dass die professionellen Chauffeure auch bei ausgefallenen Wünschen stets die beste Route finden. Auch bei den drei angeblich anspruchsvollsten Instrumenten (Akkordeon, Schlagzeug und Klavier), von denen ich ja zwei spiele, ist dieser Teil des Gehirns sehr gefordert. Ihr dürft gerne BRAIN zu mir sagen.

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