POCKETPUNK

August 2022

SONNTAG NACHMITTAG

Früher habe ich ja ausschließlich Nachtschichten gekloppt. Ich fand das perfekt für mein Leben. Es gab in meinem Kopf keine Alternative zu diesen lauten, bunten und bewegungsreichen Nächten. Genau da gehörte ich hin, genau das hat sich gut angefühlt. Die allermeisten meiner berauschten Fahrgäste konnte ich gut händeln, mit den anderen kam ich auch klar, im Zweifelsfall habe ich sie rausgeschmissen. Gab auch nur wenige Angriffe in all den Jahren und ernsthaft verletzt wurde ich nie. Mittlerweile kann ich mir das alles nicht mehr wirklich vorstellen. Fahre seit geschätzten 10 Jahren nur noch tagsüber und beende die Schicht meist dann, wenn ich früher angefangen habe, so gegen 18 Uhr. Dennoch keimt manchmal was von dem alten Feeling wieder auf und plötzlich sind sie dann wieder da die Panneköppe, die physisch und psychisch Wankenden, die Alkoholisierten, die Hilfebedürftigen, die sich selbst nie so nennen würden.

Die heutige Schicht läuft gut. Kaum Wartezeiten, immer Fahrgäste im Auto, prima! Nach ein paar Stunden will ich mit einem Freund telefonieren und stelle mich ganz bewusst als Zweiter an die Taxihalte Kurfürstendamm Ecke Meinekestraße. Hier dauert es normalerweise immer mindestens 30 Minuten bis jemand einsteigt und Funkaufträge sind an dieser Stelle auch eher selten. Kaum habe ich meinen Buddie telefonisch erreicht, fährt der Kollege vor mir weg. Bin also erster. Telefoniere. Höre nach etwa 5 Minuten ein Geräusch am hinteren rechten Heck, schaue in den Seitenspiegel und sehe, wie sich ein älterer Mann seitlich am Taxe zur hinteren Tür tastet und diese mühsam öffnet. Unterbreche mein Telefonat. Der potentielle Fahrgast plumpst hinten auf den Sitz und macht so Zisch-Geräusche. Ich mutmaße, dass er mir etwas sagen möchte. Vermutlich das Fahrziel. Ich verstehe ihn aber nicht, frage nach. Jetzt mischen sich einige Vokale in das Zischen. Ich verstehe sowas wie Lauschschschzzzaaaaoizzzbääääää. Bin mir noch unsicher, ob der Typ eventuell eine Behinderung hat oder sich selbst (vermutlich mit viel Alkohol) in diesen Zustand versetzt hat. Nach weiteren Nachfragen wird mir aber klar, dass er einfach nur rotzbesoffen ist. Okay, ich kriege zuerst raus, dass zzzzzzzzbääää Kreuzberg bedeutet und eine Minute später weiß ich auch, dass er mit Lauschschschaaaa Lausitzerstraße meint. Ich fahre los, mein Kumpel am Telefon durfte bis hierher mithören, jetzt lege ich auf. Die Hausnummer bringe ich in den ersten 5 Minuten der Fahrt dann auch noch irgendwie in Erfahrung. Super! Der Mann könnte ungefähr mein Jahrgang sein, trägt ne Jeans, ein altes Hemd und einen wirren Blick. Weiß nicht, ob er letzteren nur aufgrund seines Zustandes dabei hat oder auch sonst so guckt...so'n bisschen wahnsinnig halt. Ein Gespräch können wir jedenfalls nicht führen. Er probiert noch so ein bis zwei Mal etwas zu sagen, aber dann fällt ihm sein Kinn aufs Brustbein und sein Körper sackt seitlich gegen die Tür.

Natürlich habe ich ernsthafte Zweifel, ob er gleich beim Aufwachen noch weiß, wo er ist und vor allem, ob er (wenn er denn überhaupt bereit ist, zu zahlen) auch Kohle dabei hat. Kurz vor Ankunft drehe ich das Radio präventiv schon mal auf volle Lautstärke und mein Passagier schreckt mehr oder weniger zuverlässig und schnell aus seiner Ruheposition auf. Nach einer etwa 30sekündigen Orientierungsphase, in der er seinen Kopf aufgeregt in alle Richtungen dreht und die neue Umgebung interessiert erkundet, deutet er freudig auf das Haus vor dem wir uns befinden und sagt erstaunlich verständlich: „Hier is' richtisch!“ Ich nenne den Fahrpreis von 22,80. Er öffnet die Tür und steigt aus. Ich auch. Er deutet auf's Haus und mir wird klar, dass er kein Geld auf Tasche hat. Okay. Seufz. „Ich komm' ma' mit wa!?“ gebe ich dem Trunkenbold zu verstehen.

Er scheint einverstanden und geht voraus. Er schließt ein Gittertor auf, wir gehen langsam durch den Hof zu einem Aufgang und dann step by step hübsch in den dritten Stock, wo er sichtbar atemlos versucht, eine Tür aufzuschließen. Ich schaue mir das Spektakel an. Es gelingt ihm nicht. Nach etwa einer Minute tritt er von der Tür einen Meter zurück, betrachtet sie nochmal ausgiebig und sagt bierselig:“Ah, scheiße, falsch, ein höher!“ Ich bin mir mittlerweile sicher, dass das mit der Bezahlung nix mehr wird. Wir gehen in den vierten Stock. Wieder stochert er mit dem Schlüssel bzw. mit dem gesamten Schlüsselbund an einer neuen Tür herum und kommt nicht rein. Ich frage: „Soll ich ma'?!“ Als hätte er darauf die ganze Zeit gewartet, sagt er sofort „Sehr jerne!!“ und reicht mir mit einer leicht wankenden Drehbewegung die Schlüssel. Ich brauche genau einen Versuch und die Tür öffnet sich. Ein muffiger Geruch kommt uns entgegen. Er geht hinein, ich warte an der Schwelle um zu verhindern, dass er die Tür schließt, bleibe aber draußen, Respekt und so.

Die Wohnung sieht ärmlich und dunkel aus. Der Flur ist zugestellt mit lauter Zeux, so dass er kaum durchkommt. In dem Zimmer, das ich sehe, sind die Gardinen zugezogen. Er ist in einem anderen Raum und flucht. „Wie teuer?“ ruft er laut und hustet dabei. „25!“ lautet meine Antwort. Den Aufschlag hat er jetzt selbst zu verantworten. Nach etwa drei Minuten kommt er mit fünf 5-Euroscheinen zu mir und hat sogar ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Reicht?!“ fragt er unsicher und ich sage „danke ja!“ während ich das Geld entgegennehme und nicke. Ich gehe, er wirft noch ein „Schuldigung!“ hinterher. Bin null genervt, kann mir beim Runtergehen sogar ein Schmunzeln nicht verkneifen. Bin froh, dass alles geklappt hat und gleichzeitig etwas melancholisch, weil ich gerade einen sehr traurigen Einblick in ein ziemlich armes Leben bekommen habe. Dachte eigentlich, das reicht dann auch an Stress für einen Sonntag Nachmittag, aber keine 10 Minuten später ging der „Spaß“ dann noch besser weiter. Das erzähle ich euch beim nächsten Mal!

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