POCKETPUNK

August 2021

ACAD

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber die Kurzarbeit endet, weil sich die Umsätze wieder in Richtung Mindestlohn bewegen. Von den 8100 Berliner Taxen sind aktuell noch etwa 6500 am Start. Der Rest musste aufgeben. Etliche Betriebe haben dicht gemacht. Meiner hat’s bis jetzt überlebt mit reduziertem Fuhrpark, aber immerhin hab ich noch’n Job. Und klaro kann ich dann auch mal wieder ne Geschichte auspacken. Unangenehme Nummer, die ich da erlebt habe und sie bestätigt leider sämtliche Vorbehalte hinsichtlich der Polizei, wie sie viele Menschen zu Recht eh schon haben. Meine erste Fahrt an diesem Tag führt mich in den südlichsten Zipfel Berlins, fast direkt bis zur ehemaligen Grenze im Stadtbezirk Lichtenrade. Gute Tour, fast 40 Öcken. Stelle mich danach an die Taxihalte Bahnhof Lichtenrade und kriege prompt den nächsten Auftrag. Muckelige Wohngegend, grün und ruhig. Nix für mich also. Warte vor dem Haus, in dem mein Fahrgast offenbar wohnt. Nix reiches, eher so Mietshaus. Kunde kommt auf Krücken. Sportlicher Typ zwischen 30 und 40 Jahre alt. Ich steige aus, begrüße ihn und frage ihn, ob er vorne oder hinten sitzen möchte. Er grüßt zurück und will nach hinten. Mache ihm die Tür auf, wie ich das bei allen mache, die nicht gut zu Fuß sind. Anarchofreundlichkeit…oder vielleicht auch einfach nur gutes Benehmen meinerseits. Er will nach Steglitz. Das freut mich, denn das bringt mich wieder ein Stück näher an die Innenstadtbezirke, in denen ich meistens rumkurve. Maske auf und los. Wir fangen an zu quatschen. Mein Fahrgast zieht sich die Maske immer nach unten, wenn er redet. Klassischer Fall von „er hat nicht wirklich verstanden, wozu das Ding eigentlich da ist“. Er trägt sie, weil er sie tragen muss, nicht etwa, weil das in Pandemiezeiten Sinn macht. Das ist ein erster Hinweis darauf, wie er tickt. Wir fahren mit offenen Fenstern, ich bin zwei Mal geimpft und das ist auch schon über 2 Wochen her, also kann ich damit leben und sage nix. Wo er sich die Verletzung zugezogen hat, will ich wissen. Beim Sport, er sei bei der Polizei. Alles klar. Okay n Bulle. Nicht schön, aber dann ist das so. Und dann fängt er an zu plappern ohne Punkt und Komma. Mein Antifa-Shirt scheint er beim Einsteigen übersehen zu haben, denn er hat offenbar keine Bedenken, sein stereotypes und rassistisches Weltbild auszuplaudern. Er entpuppt sich ein typisches Standardmodell der Berliner Polizei, „Vielleicht ein B88“ denke ich mir so und muss schmunzeln. Kategorie „Bulle & Honour“ möglicherweise. Sind die nicht verboten? Mit seiner Beschädigung am Beingetriebe will er nun in die Physio-Werkstatt zur Reparatur. Er lamentiert über seine Zwölf-Stundenschichten und den vielen Papierkram. Dann kommen so Sätze wie

„Ich bin wirklich nicht rechtsradikal, aber es ist nun mal Fakt, dass 80% der Kriminellen irgendwelche Scharzköppe sind!“

So so. Die hätten immer alle fünf Handys in der Tasche und sie müssten sie aber alle wieder laufen lassen, weil es keine Handhabe gäbe. So so. Irgendwas liefe in unserem Land doch verkehrt, sagt er insgesamt bestimmt fünf Mal. Hin und wieder komme ich mit einer kurzen Frage dazwischen:

„Was würdest du dir denn wünschen, wie es besser laufen könnte?“

Seine prompte Antwort: „Etwas weniger Demokratie wäre gut!“

So so. Mit den Linken gäbe es die meisten Probleme. Die Rechten würden zwar gröhlen und so, aber ja nix machen, aber die Linken seien richtig schlimm. Klaro! Linke rennen ja täglich mordend und brandschatzend durch die Stadt. Weiß ja jede*r. So so! Die Impfbereitschaft bei seinen Kolleg*innen läge bei höchstens 50% und die Hygieneregeln seien eh nicht einzuhalten, weder in der der Wanne, noch auf der Wache. Die Polizei bilde halt auch nur einen Querschnitt der Bevölkerung ab…die einen so, die anderen so. Mich gruselt es ein bisschen. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Robocop, dem gerade geruchsintensiv die Festplatte durchschmort. Dann kommt ne Abhandlung darüber, wie schlimm es sei, dass Anwälte vor Gericht ihre Mandant*innen verteidigen und wie er und seine Kolleg*innen dadurch immer wieder Probleme bekämen wegen Falschaussagen oder Widersprüchen. Man traue sich ja auch im Dienst schon gar nicht mehr, etwas zu sagen oder die Leute zu hart anzufassen. Ach Gottchen, der Arme. Früher im Osten hätte man die Leute einfach weggesperrt und dann nie wieder was von ihnen gehört. Das sei besser gewesen. Das Standardmodell B88 ist schlichtweg n Fascho. Aus jedem seiner Worte spricht Verachtung. Kein Demokrat in Uniform oder gar ein umsichtiger Beamter, der seinen Dienst sozial und verantwortungsvoll ausführt. Nein, er ist einer, vor dem du Angst haben musst, wenn du selbst mit einem offenen Weltbild und/oder einer anderen Hautfarbe durch die Gegend rennst. Einer von den vielen, die kein Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben und die mit ihrer kleinen Macht im Verbund mit ihren Kolleg*innen gegen das Prinzip GLEICHES RECHT FÜR ALLE kämpfen. Ein Bulle, der plappert, ein Standardmodell der übelsten Sorte. Und sowas von kein Einzelfall. Ich habe ihm keine gute Besserung gewünscht. Ich habe ihn weggesperrt. Ihr werdet nie wieder was von ihm hören. Versprochen. Gelogen. Wunsch und Wirklichkeit.

ACAD – All cabdrivers are drivers!

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