POCKETPUNK

November 2022

1.12.2022

ICH MACH MA WINTERPAUSE!

LIEBE GRÜSSE, YOK!

VOLLE DRÖHNUNG KÖRPERKONTAKTE

Jede neue Schicht im Taxi zeigt mir, dass es grundverkehrt ist, die Menschen aufgrund ihrer Kleidung oder aufgrund eines ersten Eindrucks irgendwo einordnen zu wollen. Erst gestern wieder mußte ich feststellen, dass der muntere zottelige Freak mit seinem Skateboard unterm Arm, der zuvor so witzig gewunken und dabei so nett gelächelt hatte, einfach nur ein zugeknallter verpeilter Spießer mit konservativen Ansichten ist.

Zugeknallte Leute, also Fahrgäste, die irgendwelche Drogen genommen haben, sind aber eh speziell. Es ist manchmal schwer zu erkennen, mit was für Rauschmitteln du zu tun hast und wieviel die jeweiligen Leute davon wohl eingenommen haben mögen. Manche jedenfalls werden dann hochgradig merkwürdig. Da steigt einer am Ostbahnhof ein und fragt, ob 15 Euro reichen für eine Fahrt zur Landsberger Allee Ecke Judith Auer Straße. Ich antworte spontan, dass das passt, obwohl ich weiß, dass es eher knapp ist. Der Typ wirkt angeschiggert, aber sympathisch auf mich. Er freut sich, dass ich ihn zu dem Preis an sein Ziel fahren will. Er sitzt vorne. Er ist vielleicht so Mitte Zwanzig, riecht nach Party im Berghain und nach zu wenig Schlaf. Sein Blick ist „seelig“ und „seelige Blicke“ sind meist freundlich. Das ist ein guter Hinweis für mich, denn so kann ich halbwegs einschätzen, dass es eher keinen Ärger gibt.

Es gibt übrigens auch unfreundliche „seelige Blicke“. Denkt einfach mal kurz an das Titelportraitbild von Jack Nicholson aus dem Film „Shining“

Zurück zu „meinem“ Fahrgast. Dieser wirkt, wie schon erwähnt, weites gehend entspannt. „Entspannt“ ist aber auch nicht immer gut. Kurz nach dem Losfahren legt er seine Hand auf mein Knie (er sitzt neben mir), schaut mich intensiver an und sagt freudig:

„Echt geil, dass du das einfach so machst. Du bist auf jeden Fall eingeladen jetzt!“

Icke: „Eingeladen?! Wozu willst du mich denn einladen?

Er: „Zu meinem Junggesellenabschied!“

Icke: „Ach nee, lass‘ ma‘, das ist nicht so mein Ding.“

Irgendwas ist komisch, denn es ist Sonntag abend 22 Uhr und der Typ ist alleine unterwegs. Ich frage nach: „Fährst du jetzt zu deinen Kumpels und feierst da oder was?!“ Er: „Nee, nicht so direkt,…ich habe da zwei Frauen eingeladen…dazu wollte ich dich einladen…, hätte voll Lust auf dich!“ (ein flirtender Blick begleitet diesen Satz) Icke: „Ah ja,…(ich muß schmunzeln, weil das so rüberkommt, als hätten wir uns schon ein paar Stunden kennengelernt und er lässt jetzt endlich die Katze aus dem Sack, aber er sitzt gerade mal 2 Minuten neben mir…), ich schätze mal, ich habe da aber keine Lust drauf.

"Dann heiratest du demnächst oder was?!“

Er: „Nee, ich heirate nicht.“

Icke: „Aber wieso denn Junggesellenabschied, das macht man doch nur, wenn ein Hochzeitstermin geplant ist, oder nicht?!“

Er: „Nee, aber bei mir ist das nicht so.“

Er erzählt mir, dass es mit der Hochzeit noch Zeit hat, aber er jederzeit seine Freundin fragen könne, und die würde auch jederzeit „ja!“ sagen. Er fragt, ob er die Musik lauter drehen darf. Ich gebe ihm ein OKAY dafür. Er freut sich wieder, hält mir seine rechte Faust hin und sagt:

„Das ist mir jetzt ein Bedürfnis!“

Ich berühre mit meiner linken Faust seine und er sagt „Yeah!“

Merkwürdiger Mann. Mittlerweile denke ich, dass ich ihn vielleicht zu einer Sexarbeiterin fahre oder zu zweien. Ich habe keine Ahnung, aber meine Neugierde hält sich auch in Grenzen. Immerhin akzeptiert er, dass ich sein Angebot nicht annehmen möchte, obwohl er noch 2x darauf hinweist, dass ich immer noch herzlich eingeladen sei. Zugeknallte Leute wiederholen sich halt öfter mal, das kenne ich ja. Den Taxameter habe ich unterwegs bei 13 Euro ausgestellt, er gibt mir am Ende die vereinbarten 15 und möchte mir freundschaftlich die Hand schütteln. Kein Problem für mich, denn der Nervfaktor bei ihm ist insgesamt gering (auf einer Skala von 1 – 10 kriegt er eine 3). Gut gelaunt steigt er am Fahrziel aus und wird 5 Minuten später vermutlich nichts mehr von dieser Taxifahrt wissen. Wenn Menschen so berauscht mit mir fahren, dann passiert es hin und wieder, dass ich aus deren Perspektive ein richtig guter Typ bin. Und manchmal gibt es dann auch den Versuch, sich gestenreich und herzlich verabschieden zu wollen. Was leider fast immer nervt, ist, wenn die Leute dich ständig berühren wollen oder es einfach machen. Sie meinen es ja alle „nicht böse“, aber ich hab‘ das nicht gerne…Einmal hatte ich eine so krass extrovertierte und vermutlich alkoholisierte Frau, die mir ihr Fahrziel nicht wirklich nennen konnte. Die hat ständig versucht, Freund*innen anzurufen, die ihr die Adresse sagen. Dann immer wieder aufgelegt, mich angefasst und gefragt, ob ich nicht diese Straße kenne (sie nannte die Namen Knöttelstraße, Düddelstraße, An der Schüppe,…jedenfalls irgendwas mit „Ä“…?!). Vorher hatte sie offenbar schon 2 Kutscher vergrault, die sie direkt wieder weggeschickt hatten. Ich gab mir viel Mühe. Am Ende landeten wir „An der Parkaue“, ich weiß kaum noch, wie ich rausgefunden habe, dass sie wohl dorthin muss. Es war jedenfalls ein hartes Stück Arbeit. Nachdem sie mir die Fahrt bezahlte, war sie so froh, dass sie mir in hoher Geschwindigkeit einen nassen aber präzisen „Presskuss“ auf den Mund gab und lächelnd aus dem Wagen ausstieg. Ich sei der kuulste Taxifahrer ever, sagte sie noch. Und was war das jetzt?! Pilze, Kokain oder Uhu?! Oder doch nur zuviel Alk?! Ich muss es nicht herausfinden.

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