POCKETPUNK

September 2021

Manche suchen im Schrank die Tassen

Bei manchen Schichten passiert gefühlt gar nix, bei einigen alles. So eine hatte ich gerade. Stehe Urban-Krankenhaus, kriege Auftrag. Eine hohe Hausnummer in der Böcklerstraße, Vorbestellung zu halb, der/die Kund*in will zum Ostbahnhof. Fahre Richtung Böckhstraße, bemerke aber meinen Fehler nach schon 2 Minuten. Wenden und das richtige Ziel anpeilen. Bin 3 Minuten später in der richtigen Straße. Die Hausnummer ist nicht vorhanden. Steige aus, gehe hinter die Blöcke, um ganz sicher zu sein, dass ich nix übersehen habe. Fahre noch einmal auf und ab, halte und rufe die Zentrale an. Zentrale ruft Kund*in an. Kund*in wollte gern aus der Pücklerstraße abgeholt werden und steht bereits auf der Straße. Ob ich das schnell erledige könne. Ja! Ich eile. Dauert trotzdem 8 Minuten. Kundin ist ein großer Kerl. Ist natürlich not amused. Ich auch nich'. Zum Ostbahnhof sind es von hier vielleicht gute 1000 Meter. Fix rüber über die Spree rübergeknattert und schon rennt er zum Zug. 6 Euro 30 fallen vorher als Fahrpreis an. Goil! Vom Ostbahnhof will eine Stunde später jemand in den Truseweg. Kennste? Nee! Ick ooch nich'. Das ist da im Fahrradstraßenkiez am Kanal in Neukölln, ich erinnere mich. Kommste mit dem Auto kaum noch irgendwo durch. Aber is' okay. Setze Kunden ab und nehme aus Versehen direkt an der nächsten Kreuzung einem Radfahrer die Vorfahrt. Nicht gefährlich für ihn, aber sehr frech von mir. Hab's einfach nicht gecheckt in dem Moment. Hätte auch rechts vor links sein können und das sage ich dann auch, als der Radfahrer pöbelt. „Ick hab' Vorfahrt Diggi!“ sind meine Worte. Er hält an und ist erregt und erklärt mir, dass das Quatsch sei und zeigt auf alle Schilder, die da so hängen und...er hat verdammt nochmal recht und ich bin froh, dass nix passiert ist. "Nix für ungut Diggi!" sage ich lethargisch. Ich habe ihm schlechte Laune gemacht, das ist nicht schön. Okay, Mund abputzen und weiter. Auftrag Sonnenallee. Bin nach 2 Minuten an der Hausnummer, Frau steigt ein und pöbelt direkt los: „Schön, dass hier überhaupt noch ma' wer kommt wa! Ick könnte ausrasten, ick hab' so'n Hals! Ja los fahr'n se, Hermannplatz!“ Als ich wende, regt sie sich direkt weiter auf. „Nich' so! Über die Karl-Marx! Ditte is' doch da bei MC Donald umme Egge!“ Ich fahre trotzdem über die Sonnenallee, geht jetzt nicht mehr anders und steh im Stau. „Karl Marx is' aber auch Stau!“ versichere ich ihr. Sie schreit. Ich bitte sie, vernünftig mit mir zu reden. Schließlich kann ich nix dafür, dass irgendein Kollege nicht bei ihr angekommen ist und sie nun Terminstress hat. „Da möcht' ick sie ma' sehen, wennse zu spät kommen und ditte is' aba wichtich!“ Oh man, bin ich froh, wenn die wieder aussteigt. Auch sie hätte die Scheißstrecke zu Fuß schneller hinkriegen können, genau wie der Ostbahnhof-Heinz von eben. Sie kommt zu spät an, ich kann's nich' ändern. Bin bei mir ganz in der Nähe und beschließe, erstmal einen Kaffee zu trinken. Finde sogar einen Parkplatz! Nehme mein PDA (Das Handy für die Auftragsvermittlung) mit hoch zu mir. Stehe nach etwa 100 Stufen vor meiner Haustür, da kommt der nächste Auftrag. Also kein Kaffee. Stattdessen warten Mutti mit Kind in der Bürknerstraße auf mich. Finde sie auch gleich. Sie steigen ein und der erste Satz der Mutter ist: „Es tut mir sehr leid, die Windel ist voll und wir müssen nach Buckow. Alles klar. Endlich mal ne vernünftige Fahrt, aber eben mit voller Windel. Finde es das erste Mal praktisch, mit Maske zu fahren. Wenig Kackigeruch. Die Mutter ist nett. Das Kind schreit. Eigentlich reicht es für diesen Tag mit nervigen Geschichten, aber dann kam schließlich noch das absolute Highlight. Vom Printcenter zum Kater Schmaus. Kater Schmaus ist ein renommiertes Restaurant an der Spree, ich glaube ein Ableger des Kult-Clubs Kater Blau. Beides Holzmarktstraße 25, ich kenne die Adresse und halte vorm Kater Blau, weil ich bei Schmaus noch nie war. Habe 9,90 auf der Uhr. Soll da einen Karton Flyer abliefern. Frage mich durch. Ein großes Areal mit zig Touris und Läden, und Leuten, die sich nicht auskennen. Nach gefühlten 10 Minuten stehe ich mit dem Karton vorm Tresen des Kater Schmaus. Hinterm Tresen ist leider niemand. Dann kommt wer. Er weiß Bescheid und nimmt das gerne entgegen. Super. „Kostet 9,90 , willste ne Quittung?“ frag ich ihn. Will er gerne und so stell ich ihm eine aus. Er gibt mir nen Zehner und meint, das würde so stimmen. Normalerweise sage ich in so Situationen nix, aber gerade hier, wo die Leute selbst vom Service leben, wo ich meine Arbeitszeit mit Suchen nach dem Laden verbracht habe und wo ich mich inmitten einer wirklich gehobenen Gastronomie befinde, frage ich spitz: „Sind 10 Cent so das übliche Trinkgeld hier?!“ Während ich das sage, bin ich schon auf dem Weg nach draußen. Der Typ will sich erklären und rennt mir hinterher „Warte doch mal, ich geb eigentlich immer 10 Prozent, aber ich zahle das ja nicht privat und ich kann dem Laden das doch nicht wegnehmen...“ „Das ist ja noch peinlicher, wenn der Laden an seine Lieferant*innen nicht mal n Tipp ausspucken kann!“ Zeige ihm den Stinkefinger ohne mich umzudrehen. Fühle mich plötzlich wie auf einer politischen Demonstration gegen Gentrifizierung und Scheiß-Yuppies. Bin voller Hass! Nix auf'm Weg, was ich noch umtreten könnte, schade... Habe ja selbst 5 Jahre lang Gastronomie gemacht. Der Laden gehörte uns und natürlich haben Leute, die uns beliefert haben, auch Trinkgeld bekommen oder wenigstens n Kaffee als Dankeschön. Ist doch klar! Gehört sich doch so. Ich möchte entsprechend enden mit der Aufforderung, lieber woanders essen zu gehen als im Kater Schmaus. Gibt genug schöne Orte. Don't support the idiots!

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