POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 6/17:

UMSONST UND DRAUSSEN

Endlich mal wieder einer, der nicht bezahlt hat. Mir wurde auch schon langweilig, weil das echt selten passiert. Bei diesem verhuschten Mann, der die Zeche prellte, hatte ich allerdings eine Vorahnung. Es war am Abend als ich die Friedrichstraße in Richtung Checkpoint Charlie fuhr. Mitten zwischen alle den edlen Läden und Boutiquen, sehe ich plötzlich auf der linken Seite einen aufgeregt winkenden Mann, der sich laufend nähert. Ich halte, er steigt ein. Mein erster Eindruck: Der ist zu arm für diese Gegend. Der war jetzt nicht gerade im Kaufhaus Lafayette shoppen oder so. Auf seinem Kopf wuchert struppeliges dunkles Haar, sein Gesicht und seine Hände sind etwa genauso schmutzig wie seine Kleidung, also nicht übermäßig, aber eben etwas schmuddelig. Als er spricht, schaue ich in einen Mund mit schlechten Zähnen. Seine Augen senden eine Mischung aus Unsicherheit und Verrücktheit. Er dürfte so zwischen 40 und 50 Jahre alt sein. Er wolle in den Wedding, in die Holländerstraße, lässt er mich wissen. Ich verkneife mir sehr bewusst die Frage, ob er in der Lage wäre, zu bezahlen. Ich erwähnte das schon mal in einer anderen Geschichte: Mir ist die Aufrechterhaltung der Würde des Fahrgastes wichtiger, als die Sicherheit, meine Kohle zu bekommen. Es gab schon einige Fälle, wo ich dachte, die Leute könnten nicht bezahlen, aber fast alle konnten doch. Die Frage nach Vorkasse signalisiert Misstrauen und wird vermutlich oft als abwertend und klassifizierend empfunden. Das möchte ich nicht. Ich fahre also los und will trotzdem wissen, was das für ein Kunde ist. Ich versuche es mit: „Siehst gestresst aus. Haste keinen guten Tag gehabt?!“Zu meiner Überraschung erzählt er mir sofort eine längere Geschichte. Er mache sich Sorgen, denn sein dreijähriger Sohn sei schwer krank, hätte Krampfanfälle und Fieber. Wir müssten jetzt in den Wedding fahren, weil er das Impfbuch holen wolle. Danach ginge es in die Mauerstraße zurück, um seinen Sohn abzuholen und dann führen wir in das Krankenhaus am Augustenburger Platz. Ein Scheiß-Tag sei das. Ich glaube ihm die Geschichte, und plötzlich passt das für mich auch alles ein bisschen zusammen bis auf die Tatsache, dass er nicht aus der Richtung Mauerstraße kam, sondern von der Gendarmenmarktseite. Ich frage nach, ob es nicht sinnvoll wäre, den Kleinen jetzt gleich schon mitzunehmen, anstatt zweimal hin und her zu fahren. Das will der Huschimann ab nicht. Sein Plan wäre wohl überlegt. Er starrt aus dem Fenster, ist sehr unruhig, spielt mit seinen Fingern, bewegt den Oberkörper vor und zurück. Ich lasse ihn in Ruhe, will ihn nicht zuquatschen und ihm auch keine Fragen mehr stellen. Er hat offensichtlich zu kämpfen und mein Schweigen ist jetzt das empathischste, was ich mir vorstellen kann. In der Holländerstraße angekommen, frage ich nach der Hausnummer. Er lässt mich ein Stückchen in die Straße reinfahren, dann sagt er: „Hier ist gut!“, berührt kurz mit seiner Hand meinen Oberarm und ergänzt: „Halbe Minute ja! Bin sofort wieder da.“ Ich lasse ihn ohne Pfand ziehen. Er geht gegen die Fahrtrichtung in eine Eckkneipe. Vor dem Laden kotzt sich zur gleichen Zeit eine Frau die Seele aus dem Leib. Gutes Drehbuch bis hierher. Ich schalte den Taxameter aus, weil ich zu 75% damit rechne, dass ich meinen Fahrgast nicht wiedersehen werde. Zu meinem Erstaunen ist er aber nach einer Minute wieder da. „Die sind woanders! Wir müssen Prinzenallee!“ teilt er mir mit. Ich wende und fahre Richtung Prinzenallee. Die kotzende Frau hat mittlerweile zwei Zuschauer bekommen. Applaus kann ich nicht vernehmen. Mein Fahrgast lotst mich in die Bellermannstraße, einer Seitenstraße, die von der Prinzenallee abgeht. Plötzlich sagt er wieder „Hier ist gut!“, legt erneut seine Hand kurz auf meinen Oberarm mit der gleichen Ansage wie vor 5 Minuten: „Halbe Minute!“ Wieder verschwindet er gegen die Fahrtrichtung und dann in einem unbeleuchteten Laden über dem CAFE HAWAI steht. Ich warte. Das Spiel kenne ich nun ja schon. Diesmal lasse ich den Taxameter an. Es vergehen so drei Minuten, da werde ich skeptisch. Ich warte weitere drei Minuten und beschließe, in den Laden zu gehen. Ich öffne die sehr alte Außentür, es ist etwas unheimlich. Ich betrete einen Raum mit sehr dreckigem Teppich. Es gibt noch eine Art Tresen, aber niemand szeht oder sitzt dahinter. Zwei Spielautomaten. Ich gehe durch den Raum hin zu einer offenen Tür, die in eine Art Flur führt. Dort ist es schummrig dunkel und ein Typ mit Kapuze überm Kopf schaut mich aufgescheucht an, wippt dabei von einem Bein aufs andere und brummt. Spooky! Ich schaue in eine Küche, in der sich zwei junge Männer befinden. Der eine übergibt dem anderen irgendetwas. Ich gehe wieder in den ersten Raum.Die beiden Männer kommen hinterher. Ich frage sie, ob sie meinen Fahrgast gesehen hätten. Nö, hätten sie nicht. Hatte ich, ehrlich gesagt, auch nicht erwartet. Ich verlasse diese Zombiehöhle und schlurfe draußen noch bis zur Ecke Prinzenallee. Kein Huschimann weit und breit. Pech gehabt. Ich spüre keinerlei Ärger. So etwas ist Armutskriminalität. Da kann ich schlecht irgendeinen moralischen Maßstab ansetzen. Okay, ich habe eine Stunde Zeit verloren, aber sonst?! Ist doch alles gut. Passiert mir ja nicht täglich. Und aus der Sicht des Fahrgastes ist der „Deal“ ja perfekt gelaufen. Er hatte eine gute Umsonstfahrt, halbwegs stressfrei und ohne laute Worte oder Wegrennen. Fühle mich nicht hintergangen oder betrogen. Kann gelassen sein damit. Freue mich darüber, dass es so ist.

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