POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun eine Geschichte 12/18:

HEUL DOCH!

Stehe um fünf Uhr früh auf, kann nicht mehr schlafen. Meine Chefs sind kuul, ich kann nachts anfangen zu arbeiten oder erst mittags, das ist meine Entscheidung. Für ein richtiges Frühstück ist es noch zu früh. Einen Kaffee ohne Zucker und dann geht es ab in die Karre. Ich mag die Atmosphäre, die sich auftut. Gerade im Winter! Es ist noch dunkel. Es ist kalt. Das Partyvolk ist auf dem Weg nach Hause und die BSR putzt schon die Straßen. In der Bäckerei wieseln tapfere Arbeiter*innen an den Teigmaschinen und Bullen sind noch nicht zu sehen. Ein Notarztwagen im Einsatz. Ich fahre durch das morgengraue Arschloch der Nacht, bin nachdenklich, genieße aber die vermeintliche Stille dieser Großstadt. Meine Fahrgäste sind froh, dass ich da bin. Die einen haben ihren Bus verpasst und müssen schnell noch pünktlich zu ihrem Scheißjob, die Berauschten sind glücklich, dass sie nun mit fremder Hilfe endlich ins Bett kommen, die anderen wollen wie immer zum Flughafen oder Hauptbahnhof. Eine Community, die sich hilft und gegenseitig unterstützt und ich bin ein Teil davon. Ein paar Stunden später hole ich einen etwa gleichaltrigen Mann aus dem Virchowkrankenhaus ab und fahre ihn ins Märkische Viertel. Ein Krebspatient. Hat vor fünf Jahren seine Frau verloren, die nach jahrelanger schwerer Krankheit mit 41 Jahren starb. Plötzlich war er mit seinen beiden Töchtern alleine. Er jammert nicht, er erzählt. Er redet über seinen Alltag, über seine Schwierigkeiten mit den Behörden, den Krankenkassen. Über seine Kämpfe, über die AFD und wie scheiße sich alles verändert. Er als Migrant, immer schon nicht wirklich akzeptiert in einem Land, in dem er schon immer lebt und arbeitet. Und nun diese neue Partei, die ihn mit jeder Geste, mit jeder Rede, mit jeder Behauptung neu stigmatisiert. Als „Ausländer“, als „Fremder“, als „Problem“. Trotzdem hat er ein Lächeln im Gesicht. Ich höre ihm aufmerksam zu. Seine Geschichte berührt mich. Als wir ankommen vor einem der kalten Betonhochhäuser, quatschen wir noch weiter. Motor aus. Er entschuldigt sich, dass er soviel bei mir „abgeladen“ hat. Ich teile ihm meine tiefe emotionale Solidarität mit. Habe feuchte Augen dabei. Er steigt aus, verschwindet im Hauseingang. Es ist hell geworden.

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