POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 10/17:

DEUTSCH MICH NICHT VOLL

Ich mag keine Wiederholungen in meinem Leben. Aber ich kann sie leider nicht verhindern. Alltagsrassismen zum Beispiel. Das scheint nie aufzuhören. In meinem ersten Buch war das ja fast ein Schwerpunktthema. Bei meinen Lesungen ging es oft darum, wie facettenreich wir damit umgehen können, damit wir das Konstruktivste aus so einem Gespräch herausholen können. Mittlerweile fällt mir nicht mehr soviel Neues ein, wenn wieder jemand fremdenfeindlich daherplaudert. Dennoch, vor ein paar Tagen hatte ich zwei Pärchen am Flughafen Tegel geladen. Kaum hatte ich die Koffer verstaut und alle saßen auf ihren Plätzen, wortierte einer der Männer den folgenden Satz:

„Sehr gut, dass wir mal einen deutschen Fahrer erwischt haben!“

Wenn ihr hin und wieder meine Geschichten lest oder euch sogar durch mein Buch gekruschelt habt, wisst ihr, dass bei mir innerlich sämtliche Hass-Lampen angehen, wenn so etwas geäußert wird. Äußerlich kann ich aber mittlerweile cool bleiben im Gegesatz zu früher. Meine Antwort diesmal:

„Woran siehste denn, dass ich deutsch bin?!“

Dabei schaute ich ihm offensiv in die Augen. Der Typ saß ja schließlich genau neben mir. Er war etwa 20 – 25 Jahre jünger als ich, genau wie seine Begleiter_innen, die alle einen eher bürgerlich-normativen Eindruck auf mich machten. Der Beifahrermann erwiderte meinen ernsten Blick und fuhr einen Gang zurück:

„Na, ich meine ja auch, äh,...gut, dass wir einen deutschsprachigen Fahrer erwischt haben,...einen, der unsere Sprache spricht.“

Ich sparte mir den Hinweis, dass eigentlich alle Taxifahrer und Taxifahrerinnen relativ gut deutsch sprechen können müssen, weil sie schließlich alle (oder fast alle,...okay) eine anspruchsvolle Ortskundeprüfung bestehen mussten. Ich beließ es bei einem kurzen „soso...“ und fuhr Richtung Süden. Die drei Herzchen, die hinter uns saßen, unterhielten sich über andere Sachen miteinander. Wir Vornesitzer schwiegen uns unter dem Eindruck des verkackten Gesprächsanfangs an. Auf dem Tegeler Weg, also etwa zwei Minuten später, befuhr ich die Busspur und zog rechts an einigen PKWs vorbei. Mein Beifahrer fragte:

„Dürfen die Taxifahrer hier einfach so die Busspur benutzen?!“

Ich musste nicht lange überlegen und antwortete impulsiv:

„Ja, aber nur die deutschen!“

Und wieder drehte ich meinen Kopf in seine Richtung und schaute ihn fordernd an. Und wieder blickte auch er mir mit einer gewissen Verwunderung ins Gesicht. Das Gespräch hinter uns verstummte. Das hatte gesessen. Ich fühlte mich gut. Ich glaubte, jede/r hatte verstanden, was ich meinte. Alle ließen es ein bisschen sacken.

Das war Live-Satire. Aber habe ich die Leute nun gut unterhalten oder sie eventuell zum Nachdenken angeregt?! Verändert das irgendwas?! Was haben die erlebt? Sie sahen einen „Deutschen“, von dem sie dachten, dass er sich damit auch identifizieren würde. Einer sagte deshalb diesen Satz, um Zustimmung zu bekommen. Das passierte aber nicht. Das Gegenteil trat ein. Er war plötzlich derjenige, der auflief mit seiner überflüssigen Aussage. Und später fasste ich noch einmal kurz hinein in diese vorbereitete Wunde...

Die Leute können das schnell abhaken, schätze ich. Der Kutscher war'n Linker oder so. Und das ist eh nicht so ihr Ding. Dadurch, dass ich aber cool und souverän gewirkt haben dürfte, sollte es ihnen schwerer fallen, mich nicht ernst zu nehmen. Vielleicht gab es auch eine Person in der Gruppe, die genau mal gerne so eine Antwort gegeben hätte entgegen dem vermeintlichen Gruppenkonsens. Vielleicht fühlt sie sich jetzt bestärkt. Vielleicht gab es eine kleine Diskussion, nachdem sie ausgestiegen waren. I don't know. Ich habe jedenfalls doch mal wieder etwas Neues gemacht, wie ich aber erst im Nachherein feststellte. Ich habe mein Pulver nicht schon mit den ersten verbalen Impulsen verschossen, sondern ich hatte noch was in petto, was ich spontan und gezielt einsetzen konnte. Daraus resultiert die strategische Einsicht: Nutze die Zeit, in der die anderen labern, um dir Gedanken darüber zu machen, wann du deine Wort-Munition noch gezielt einsetzen kannst. Kombiniere das mit Gesten, Blicken und Körperhaltung.

Lasst uns darin immer noch besser werden. Wir haben ein Leben lang Zeit, so etwas zu üben! Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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