POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 2/18:

Umgangssprachlich, abwertend:

Person, deren Verhalten und Handeln als unvorstellbar töricht eingestuft wird.

Grüne Woche, ich warte am Hammarskjöldplatz. Was'n schöner Name, oder? Hammarskjöldplatz! Ich dachte ja immer, Hammarskjöld wäre irgendeine Stadt irgendwo in Skandinavien, aber nee! Das war ein schwedischer Staatssekretär, der starb, als er ziemlich genau so alt war, wie ich jetzt. 1953 war er Generalsekretär der Vereinten Nationen und 1961 stürzte ein Flieger aus ungeklärter Ursache ab und er saß drin. Nach seinem Tod wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Nix da Stadt. Mensch! Aber'n toter Mensch. Städte können auch sterben, aber das geht langsamer. Sind Städte tot, wenn keine Menschen mehr in ihnen leben? Oder können sie schon vorher tot sein. Gibt es gesunde Städte? Ich kenne nur kranke.

Jedenfalls stehe ich seit einer halben Stunde mit der Taxe auf diesem Platz vor dem Messeeingang und betrachte Menschen. Menschenkino, sie kommen und gehen. Viele tragen Tütchen, nur wenige ein Lächeln spazieren. Noch eine freie Taxe steht vor mir, dann bin ich an der Reihe. Ich sehe von Weitem eine Person, die sich durch ihre Langsamkeit von den anderen unterscheidet. Ich erkenne, dass das keine gewollte Gemütlichkeit ist, sondern eine Art Mobilitätseinschränkung. Hm, Mobilitätseinschränkung trifft es eigentlich gar nicht. Der Typ, der da auf uns zukommt, ist einfach mal schwerstbesonders. Er bewegt sich komplett anders, als alle anderen. Die Kategorie, die mir als Erstes einfällt, ist Spasmus, also eine erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur,...medizinisch betrachtet. Der potentielle Fahrgast hat das in einer sehr ausgeprägten Form. Sein ganzer Körper scheint davon betroffen zu sein. Eine Auswirkung ist die, dass sein Kopf immer wieder in den Nacken fällt und es aussieht, als würde er den Himmel betrachten wollen. Dadurch kann er nur schwerlich einen Blickkontakt zu dem Kollegen aufnehmen, von dem er gerne befördert werden möchte. Aber der Kollege zieht zumindest in Erwägung, dass der himmelblickende Mann mit ihm fahren möchte und kurbelt nach einigem Zögern die Scheibe des Beifahrersitzes herunter. Ich überlege, ob ich was helfen kann, aber mir fällt nix ein und ich bleibe sitzen. Ich sehe die beiden miteinander reden und stelle fest, dass der Mann sich nur sehr schwer artikulieren kann. Der Taxifahrer fragt ein paar Mal etwas nach und beugt sich dafür etwas über den Beifahrersitz. Der Himmelmann wird aufgeregter und lauter, der Kutscher kann ihn aber offenbar nicht verstehen. Spätestens hier wäre ich an seiner Stelle aufgestanden, zu dem Fahrgast hingegangen und hätte mit Geduld probiert, ernsthaft und bemüht zu erfahren, was der Mann genau möchte, bzw., wo er genau hin möchte. Als ich gerade aussteigen will, um doch Hilfe anzubieten, stürzt der Mann schon ungelenk und genervt auf meine Taxe zu und öffnet direkt die Beifahrertür. Ich ermuntere ihn direkt, einzusteigen. Er setzt sich neben mich und sagt etwas. Ich verstehe so etwas ähnliches wie „Monumentenstraße“.

„Hallo! Okay, ich schätze mal, du hast mir gerade gesagt, wo du hin willst und ich habe Monumentenstraße verstanden!“

Er wiederholt seinen Satz nochmal und ich muss leider nochmal nachfragen:

„Kriegen wir hin, kein Problem, aber ich habe es immer noch nicht verstanden.“

Er haut den Satz nochmal raus und ich erwidere:

„Krumme Straße?“

Er bestätigt erleichtert und fügt noch etwas hinzu, was ich als Kantstraße ausmache. Alles richtig, das passt, er nickt! Der ganze Dialog dauerte 20 Sekunden, dann starte ich den Motor. Der Kollege zuckt mit den Achseln und es bleibt unklar, ob er den Himmelmann nicht mitnehmen wollte oder ihn wirklich nicht verstehen konnte. Mein neuer Fahrnachbar hat sich angeschnallt und bleibt auch im Sitz in ständiger Bewegung. Weil ich weiß, dass Menschen, die an einer Spastik leiden, meistens völlig klar in der Birne sind, versuche ich ein Gespräch (wenn Leute nicht klar in der Birne sind, versuche ich meist auch Gespräche...Gleiches Recht für alle!). Ich frage ihn, ob er das ein halbes Hähnchen ist, was aus seiner Tüte riecht. Er erwidertt, dass er eben noch eine Bratwurst an einem Messestand gegessen hätte. Ich mache den Witz, dass er dann jetzt wohl trotzdem wie ein halbes Hähnchen riecht und er lacht. Er lacht aber auch danach noch ein paar Mal ohne ersichtlichen Grund. Zu dem Lachen gesellt sich ein Knirschen. Und dieses Zähneknirschen ist krass. Ich bin nicht empfindlich normalerweise, aber das hört sich an, als wenn der jeden Abend die Zähne wechseln muss. Oberheftig. Mein Mitgefühl ist groß. Es ist kein Mitleid, es ist Mitgefühl. Das muss ein hartes Los sein, wenn irgendwas in deinem Körper dir die Freiheit nimmt, dich so zu bewegen, wie du es gerne möchtest. Du bist körperlich fremdbestimmt. Die Fahrt dauert nicht lange. Mühsam fingert er Geld aus seiner Börse, um die Reise zu bezahlen. Ich bekomme auch ein kleines Trinkgeld von ihm. Sehr freundlich! Danke! Ich hoffe, er hatte das Gefühl, dass der Kutscher, der ihn gefahren hat, ein okayer war. Ob er noch Hilfe bräuchte, frage ich ihn. Er verneint und geht in seiner ganz eigenen Art in ein Wohnhaus in der Krummen Straße. Ich schaue ihm noch lange hinterher. Aus Bewunderung darüber, dass er sein Leben so meistert. Und aus Scham darüber, dass ich in meinem Leben viel zu oft und viel zu schnell jammere.

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