POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun eine Geschichte 10/18:

34,30 €

Der nette Anwalt will in die Große Hamburgerstraße. Keine gute Tour für mich leider, aber immerhin ein interessantes Gespräch. Er erzählt mir was von der Idee, Mieten einkommensabhängig zu gestalten. Schließlich mache er das bei seinen Klienten auch so und das wäre doch der fairste und sozialste Umgang. Klaro, denke ich, ich kann mich erinnern, dass selbst Geldstrafen vor Gericht sich nach dem richten, was du verdienst. Wenn also der Fußballer Timo Werner einem Bullen den Stinkefinger zeigt, kostet das vermutlich so um die 50000 Euro, wenn ich das mache eher „nur“ so 500, schätze ich. Faire Nummer, oder?! Naja, jedenfalls ist mir der Gedanke einer einkommensabhängigen Miete gar nicht so neu. Der Anwalt hat Spaß daran, sich vorzustellen, dass ein Vermieter vorher nicht erfährt, was sein*e zukünftige Mieter*in so verdient. Erst wird der Mietvertrag unterschrieben und dann sieht auch der Hausbesitzer, ob er nun 2500 Tacken für seine Bude bekommt oder nur 250. Peng! Als mein Fahrgast vorm St. Hedwig-Krankenhaus aussteigt, habe ich also schon gute Laune. Und da steht auch schon der nächste potentielle Kunde. Ein Herr in Jeans und kariertem Hemd, vielleicht so fünf bis zehn Jahre älter als ich mit lichtem Haar und einem verschlossenen Gesicht. Ob ich ihn in die Landsberger Allee fahren könnte, will er wissen. Nee, ich sei Gehirnchirurg und Leute irgendwo hinfahren fiele nicht in meinen Aufgabenbereich, merke ich knapp an, während ich aussteige, um seine Sachen in den Kofferraum zu befördern. „Klaro! Keen Problem!“ sage ich dazu und wir steigen beide ein. Er hinten, ich vorne.

Er hat nicht gelacht über meinen vorzüglichen Witz, war eher irritiert davon. Okay, aber ich muss ja auch irgendwo hin mit meiner guten Laune. Ich berichte ihm von den einkommensabhängigen Mieten. Das ist ein unverfängliches Thema, bei dem du dich kaum in die Haare kfriegen kannst mit Leuten, es sein denn, sie sind Hausbesitzer oder Vermieter. Aber mein Fahrgast sieht so nicht aus. Der könnte sonst aber alles sein, denke ich. Auch AFDler oder ehemaliger Weltmeister im Synchronturmspringen. Oder Kleingärtner oder Kindermörder. Da steckste ja nicht drin. Hoffentlich kein AFDler denke ich. Kindermörder würde er mir sicher nicht erzählen, hoffe ich. Turmspringer und Kleingärtner sind herzlich willkommen, sofern sie keine Faschisten sind. Oder Kindermörder. Das liest sich jetzt vielleicht so ein bisschen lustig, aber es ist tatsächlich mittlerweile so, dass ich oft keinen Bock drauf habe, dass die Leute mir ihre Beknacktheiten zu genau erzählen. Kuule Fahrgäste sollen gerne plappern, das macht Spaß, so wie bei dem Anwalt eben, aber die Doofen sollen lieber die Fresse halten. Der Krankenhausmann hinter mir ist schlecht einzuschätzen, aber seine Augen leuchten ein wenig als er das mit den einkommensabhängigen Mieten von mir hört. Ich plaudere ein bisschen über mein Musikerdasein und unsere kleine DIY-Community, in der es auch üblich ist, Eintrittspreise flexibel zu halten oder auch mal einen Tonträger für sehr kleines Geld herauszugeben, wenn die Leute keine Kohle haben. Aus welcher Szene ich käme, will er wissen. „So linksalternativ!“ sage ich vorsichtig und streue noch „aus'm Punk kommick“ mit ein. Dann erzählt er von seinem 38jährigen Sohn, den er schon drei Mal aus einer Gefangenensammelstelle abgeholt hätte, weil der auch bei „den Linken“ aktiv sei. Langsam wird ein Schuh draus, wie mein Fahrgast drauf ist. Er spricht sehr wohlwollend über seinen Sohn und merkt natürlich auch, dass ich für „nichtrechte Attitüden“ offen bin. Kurz gesagt: Wir verstehen uns und legen die beidseitige Vorsicht ab. Angenehme Situation. Auch er war sich anfangs natürlich nicht sicher, wer ihn da nach Hause fährt. Nicht selten berichten mir Fahrgäste, dass sie konservative oder rassistische Kollegen (sind eigentlich immer Männer) als Kutscher hatten. Okay, und ich sehe auf den ersten Blick nun auch nicht mehr wie'n kuuler Anarcho aus, sondern eher wie'n Gerüstbauer, wie mir neulich ein junges Mädchen bestätigte. Ich stand vor einer Jugendhilfeeinrichtung, sollte da jemanden abholen und war ausgestiegen und am Klingelschild zu gucken, wo ich mich melden könnte. Da sah sie mich an, sah meine Tattoos und fragte: „Sind Sie Taxifahrer??“ „Jau, binnick! Seh ick nich so aus oder wat?!“ „Nee, eher wie einer von den Arbeitern da!“ meinte sie und wies mit dem Finger auf die Baustelle in unmittelbarer Nähe. Ah ja!?

Aber zurück zur Landsberger Allee. Klassischer Plattenbau, wo wir jetzt vorfahren und er aussteigen will. Ich stelle den Motor ab und wir quatschen noch fix zuende. Es passiert selten, dass ich das mache. Es fühlt sich besonders an mit dem Mann hinter mir. Er hält einen 50-Euroschein in der Hand, sieht auf den Taxameter und zögert noch kurz. Dann gibt er mir den Schein und meint, dass das so stimmen würde und dass ich so bleiben soll, wie ich bin. Ich bin mir sicher, dass er sich vertan hat und antworte: „Äh, nee, das ist jetzt 'n' bisschen ville, ick hab hier bloß 15,70 auf der Uhr!“ „Jaja, schon okay, hab' ich gesehen, ich würde das nicht machen, wenn ich es nicht könnte, aber ich denke, das Geld ist gut angelegt!“ kommt als Antwort. Ich bedanke mich und stecke den Knatter ein. Wir steigen aus, ich gebe ihm seine Sachen aus dem Kofferraum. Seine Frau wartet schon auf ihn und winkt ihm freudig aus dem fünften Stock zu. „Alles Gute!“ „Alles Gute! Schönet Wochenende!“ Ich steige ein, stelle auf Autopilot. Den Senkrechtstart, der mich in 2 Sekunden 300 Meter nach oben katapultiert, kommentiert ein fünfjähriger Junge an der Hand seiner Mutter: „Voll der Angeber!“ Seine Mama stimmt ihm zu: „Ja, und voll die Umweltsau!!“.

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