POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 6/18:

ROTZ UND WASSER SCHWITZEN

„Ich hab's eilig, ich muss in zehn Minuten am Flughafen sein!“

Der etwa 40jährige Mann sitzt urplötzlich neben mir und schaut mich fordernd und verzweifelt an. Seine Brille ist etwas verschmiert und auf seiner Stirn haben sich ungefähr 30 Schweißperlen zu einer Demonstration der Panik versammelt. Weil er mit seinem hellblauen Rollkoffer vorne eingestiegen ist, bekommt er die Tür nicht zu. Er wiegt schätzungsweise 100 Kilo bei einer Größe von vielleicht einem Meter sechzig. Ich stehe vorm Novotel am S-Bahnhof Tiergarten.

„Tegel oder Schönefeld?!“ frage ich nach. „Nach Tegel könnten wir es in 15 Minuten schaffen, nach Schönefeld bräuchten wir mindestens eine halbe Stunde.“

„Zum Flughafen! Sagte ich doch schon!“ zischt mich der Typ an, während er weiter versucht, die Tür zu schließen.

“Wir haben hier zwei Flughäfen! Tegel und Schönefeld. Ich müsste schon wissen, zu welchem sie gerne möchten,“ antworte ich ruhig und sachlich.

„Wollen sie mich veräppeln?? Schönefeld ist doch noch gar nicht eröffnet, denken sie, ich weiß das nicht?!“ schwitzt es mir nun entgegen.

„Jau, okay!““ antworte ich, „...also nach Tegel, aber die Tür müssten sie schon schließen bevor wir losfahren.“

„Die Scheißtür geht nicht zu! Verdammt!!“

„Wollen wir den Koffer nicht vielleicht lieber in den Kofferraum legen?!“ frage ich freundlich.

„Sind sie verrückt? Ich habe es eilig! Sagte ich doch schon!“

„Dann möchten sie lieber mit offener Tür fahren?!“

Wütend steigt er aus: „Na, nun machen sie schon!“

Wir laden den Koffer hinten ein. Als wir wieder nebeneinander sitzen, und er die Tür beim zweiten Versuch ordnungsgemäß zuballert, starte ich den Motor.

„Jetzt wird es aber richtig knapp!“ meckert mein Patient.

„Seien sie froh, dass sie nicht nach Schönefeld müssen, denn das würden wir definitiv nicht mehr schaffen!“ versuche ich, ihm Hoffnung zu machen.

„Ach! Sie immer mit ihrem Schönefeld! Was soll denn das?! Sie wollten mich abzocken, schätze ich mal.“

Langsam wird es mir zuviel mit der chronischen Unfreundlichkeit meines Gastes.

„Der Flughafen Berlin/Brandenburg ist noch im Bau! Der Flughafen Schönefeld liegt zwei Kilometer davor und ist im Vollbetrieb! Und es ist nicht selten, dass Leute von dort aus aus Berlin abfliegen!“

„Jaja, ist ja schon gut!“ brummelt der Mann während er nun mit seinem Handy beschäftigt ist.

Wir fahren und kommen gut durch. Natürlich kenne ich alle Wege nach Tegel und freue mich, wenn ich den eiligen Leuten durch mein Wissen über den aktuell schnellsten Weg ein paar Minuten Luft verschaffen kann. Ich neige auch bei gestressten Kandidaten nicht dazu, sie zu ärgern, indem ich die langsamen verkehrsträchtigen Strecken benutze. Fair bleiben ist schon okay. Ist auch besser für's Trinkgeld. Kurz vor der Einfahrt auf das Flughafengelände nach ziemlich exakt 12 Minuten, frage ich ihn, zu welcher Zeit er wohin fliegen möchte.

„14:45 London!“ ist seine knappe Antwort.

Ich schaue auf das „Big board“, auf dem ich normalerweise innerhalb von fünf Sekunden den gewünschten Flug ausmache, um dann direkt zum richtigen Terminal zu fahren. Sein Flug ist aber nicht zu finden.

“Muss aber, muss aber!!“ adrenalisiert er mir entgegen.

„Schauen sie selbst!“ Er holt einen Zettel raus. „Hier sehen sie! 14:45!!!“

Ich schaue auf den Zettel und erkenne sofort das SXF darauf. Das ist das Zeichen für Schönefeld. Tegel hat das Kürzel TXL. „Ihr Flug startet in Schönefeld!“ unterbreite ich ihm unverblümt.

„Ach, hören sie doch auf, sie mit ihrem Scheiß-Schönefeld!“ fährt es mir entgegen.

„Ist aber so!“ antworte ich gelassen.

Nun dämmert es ihm endlich, dass er da wohl einen Fehler gemacht hat und er wird kleinlaut.

„Oh verdammt. Das ist jetzt aber mal richtig schlecht...“ Er beginnt einen Monolog über Geschäftstermine und dass das sowieso alles nicht zu schaffen sei, während ich ihn zur Haupthalle fahre.

„Tut mir leid! Dann bekomme ich bitte 19,30 von ihnen!“

„Und was soll ich jetzt machen?!“ fragt er mich, als wenn er wirklich erwarten würde, ich hätte darauf eine gute Antwort.

„Bezahlen!“ erwidere ich knapp. „Ihnen fällt schon was ein!“

Er gibt mir 20 und steigt wortlos aus. Ich gebe ihm seinen Koffer und verabschiede mich. Ich habe bewusst nicht gefragt, ob ich ihn nun nach Schönefeld fahren soll, obwohl mir das einen Fuffi mehr Umsatz in die Kasse gespült hätte. Ich tausche kein Geld gegen Unfreundlichkeit, wenn ich es vorher weiß. Als ich wegfahre, sehe ich im Rückspiegel, wie der Typ immer kleiner wird, weil er sich gerade an Ort und Stelle wegschwitzt. Was bleibt, ist eine Pfütze, die sich langsam Richtung Gulli verabschiedet und ein hellblauer Schalenkoffer, der kurze Zeit später von Polizisten umstellt wird. Danach ist Frieden..

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