POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun eine Geschichte 11/18:

Bangtan Boys in town!

Stehe nichtsahnend vormittags am Ost-Bahnhof und beoachte traurig und müde die Obdachlosenbande am Haupteingang. Eine Frau, acht Männer, jedenfalls soweit ich das beurteilen kann. Die erste Flasche Schnaps macht die Runde. Einer pöbelt sehr laut und wird von den anderen beruhigt. Ich muss daran denken, dass es bald Winter wird und dass diese Leute dann wieder ums Überleben kämpfen werden. Beim Arbeiten sehe ich ständig arme Menschen, Flaschensammler*innen, Zeitungsverkäufer*innen, Drogist*innen, Kaputte und Zerstörte. In den Gedanken versunken und an eine bessere Zeit denkend klopft es plötzlich an die Scheibe. Eine Dame mit Koffer. Upps! Ich bin selten so unaufmerksam, wenn ich als Erster an der Taxihalte stehe. Beim zweiten Hinschauen entdecke ich hinter der Dame drei weibliche Teenager mit rosa Rollkoffern. Alle drei starren jeweils gefesselt auf ihre Handys. Ich steige aus, sage ihnen allen „Hallo!“. Die Mutter antwortet: „Was kostet es zum Flughafen Schönefeld?“ Die Kids interessiert nicht, das gesprochen wird. „Etwa 40 Euro!“ schmeiße ich verbal flach zurück. Sie reagiert so, als würden die Überlegungen, ob das zu teuer sein könnte, erst bei 100 Euro aufwärts anfangen. Sie kommt aus der Schweiz. Kein Wunder. Schnell alle Koffer eingeladen und los geht’s. Sie vorne, die Gören hinten, immer noch alle Blicke auf die Handys gerichtet. Ich vernehme auch so etwas wie Musik und dazu kurze verbale Impulse der jungen Damen wie „Oh mein Gott...“, „...guck guck, da schaut er mich an!“ und „...der ist sooo süß!“. Ich kombiniere, dass die Mädels sich da wohl gerade ein Konzert anschauen, was sie am Vortag live gesehen haben und spreche das aus. Eine antwortet mit verliebten seligen Augen knapp mit „Ja genau, oh mein Gott!“. Die Mutti klärt mich auf, dass die Bangtan Boys gestern in der Mercedes Benz-Arena gespielt hätten. Stimmt, ich hörte davon, diese koreanische zusammengecastete Boy-Group, die „K-Pop“ machen (Koreanischen Pop). Sieben Jungs, die als Markenprodukt um die Welt reisen und vor allem junge pubertierende Mädchen verrückt machen. 13 Millionen Follower auf Instagram, 12 Millionen auf Youtube. Ein Ticket ist nicht unter 200 Euro zu bekommen. Die Karten für Berlin waren innerhalb von 10 Minuten vergriffen. Der giggelnde und aufgeregte Geräuschpegel hinter mir reißt nicht ab. Das sind Wesen von einem völlig anderen Planeten, die mir hier ins Auto gestiegen sind, denke ich. Und wie sich herausstellt, sind sie nur wegen diesem Event mal schnell nach Berlin gejettet. Mit Hotel und allem Zipp und Zapp. Der Spaß dürfte so an die 2000 Euro gekostet haben, minimum. Da sind die 40 Euro für mich dann wirklich Peanuts. Als meine Beifahrerin am Rande der Straße etwas Müll ausmacht, der auf einem Mittelstreifen geduldig darauf wartet von unserer tapferen BSR eingesammelt zu werden, meint sie, dass es sowas in der Schweiz nicht geben würde. So etwas würde dort nicht „vorkommen“ und sie verstünde nicht, warum das die ganzen Arbeitslosen nicht wegmachen würden. Die hätten ja schließlich sonst nichts zu tun. Umweltverschmutzung sei sowieso das Allerletzte und dagegen müssen vorgegangen werden. Ich habe ehrlich gesagt Schiss, dass sie beim Weiterreden bald ganz schlimme Dinge auspackt und unterbreche sie mit dem Satz: „Die Arbeitslosen in Berlin dürfen gar nicht arbeiten, das verbietet ein Gesetz, deshalb ist hier ja alles so dreckig!“ Sie braucht einen Moment um den vermeintlichen Sinn meiner Worte zu erfassen und sagt doch tatsächlich: „Ach so, das wusste ich nicht, dann kann man da ja wirklich nichts machen!“ Ich hoffe, dass sie nicht weiter nachfragt, denn sonst muss ich noch absurdere Sachen behaupten. Sie schweigt von nun an. Vielleicht, weil sie denkt, dass ich einen an der Waffel habe, vielleicht, weil sie darüber sinniert, warum die Arbeitslosen in Berlin nicht arbeiten dürfen. Ich weiß es nicht. Ich verzichte darauf, sie darauf hinzuweisen, dass die achtlos weggeworfene leere Kartoffelchipstüte einen Scheißdreck gegen ihren unnötigen Flug von Zürich nach Berlin und zurück ist. Ich bekomme 3,40 Trinkgeld, aber kein Lächeln. Das ist schlecht!

.