POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 5/18:

1.Mai 2018 - Nebenschauplatz

18 Uhr, ich stehe mit der Taxe an der Hobrechtbrücke auf der Neuköllner Seite. Die Brücke ist abgesperrt, ein Bullen-PKW steht quer und der Bulle posiert daneben mit einer flatterigen gelben Weste. Er beäugt mich skeptisch, vielleicht deshalb, weil ich heute mit einer Schweinemaske fahre. Eine normale Sturmhaube wäre zu auffällig, zu verräterisch, denn ein paar Meter weiter beginnt gleich die revolutionäre 1.Mai-Demo. Ich möchte nicht zuordenbar sein. Guter Plan! Nun sitze ich hinter dem Steuer mit meiner Schweinemaske und schwitze wie ein...Ja genau! Meinem Fahrgast habe ich gesagt, er solle sich flach auf die Rückbank legen, dann würde ihm nichts passieren. Er folgte meiner Anweisung. Er akzeptierte 10 Minuten vorher auch, dass er den doppelten Fahrpreis entrichten müsse: Revolutionärer 1.Mai, klar?! Er verstand und akzeptierte. Ich stelle den Motor ab. Dem Bullen ist das nicht geheuer. Ein Schwein hinterm Lenkrad?!! Sein Blick lässt nicht von mir ab. Er spricht etwas in sein Funkgerät. Auf meinem Beifahrersitz liegt mein Protestschild. Ich habe es an einem etwa 1,50-langen Stahlrohr befestigt. BITTE FOLGEN! steht darauf. Ich lasse die Scheibe runter und halte es dem Cop entgegen. Seine rechte Hand sucht sich postwendend den Weg zu seinem Halfter. Ich starte den Motor und frage meinen Fahrgast, welche Hausnummer es denn sei in der Ohlauerstraße. „Die 24!“ sagt er mir mit zittriger Stimme. Ich fahre im Schritttempo auf die Lücke neben der Bullenkarre zu und drehe dabei das Schild so, dass auch die nachfolgenden PKWs es lesen können. Der Bulle ruft aufgeregt „Stop!“ aber ich passiere ruhig die Brücke. Fünf weitere PKWs folgen mir. Wir hupen! Leute kommen uns entgegen und gehen widerwillig aus dem Weg. Manche finden es richtig scheiße, dass hier plötzlich Autos fahren. Einer ruft mir entgegen: „Du Schwein!“. Ich nuschel durch meine Maske zurück, dass ich nur ein einfacher Arbeiter sei. Dann halte ich vor der 24. Mein Fahrgast, ein etwa 80jähriger ehemaliger Golfprofi, schleicht sich geduckt zu seiner Haustür. Ich wende die Taxe und fahre seelenruhig wieder auf die Brücke zu. Der Bulle hat Verstärkung bekommen. Ich werfe mein Schild lässig und selbstbewusst seitlich auf das Pflaster. Ein schönes Geräusch, Metall auf Stein. Es passt gut in die sonstige Soundkulisse. Die Lücke, durch die ich eben noch fuhr, hat eine vollbesetzte Wanne geschlossen. Ich halte 20 Meter vor dem neuen Hindernis und steige aus. Meine Hände strecke ich den Cops in besänftigender, beruhigender und defensiver Art und Weise entgegen. Dabei bewege ich mich ein paar Meter rückwärts rechts zum Fahrbahnrand. Geschickt und wieselflink schlüpfe ich durch den geöffneten Gullideckel nach unten in die Kanalisation. „Vorbereitung ist die besse Waffe gegen Repression!“ schnellt es mir durch den aufgeheizten Kopf während ein paar Ratten aufgeregt aus dem Weg springen. Dass ich oben eine geklaute Taxe zurücklasse beunruhigt mich nicht sonderlich. Ein Restrisiko ist schließlich immer dabei, wenn du was Verbotenes tust. Mein unterirdischer Weg führt mich direkt zum Lausitzerplatz. Dort komme ich wieder an die Oberfläche und tausche die Schweinemaske gegen einen Eishockeyhelm. Ein paar Menschen sind durchaus erstaunt über mein Erscheinen und meine Verwandlung, aber sie kümmern sich nicht weiter. Ich rieche.

Ich schließe mich der Demo an. Im schwarzen Block wollen sie mich nicht haben, aber weiter hinten bei den Verrückten und Abgehängten bin ich herzlich willkommen. Und was habt ihr so erlebt?!

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