POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun meine Geschichte 8/17:

THANK YOU SO MUCH SÖRRRRRRGS

Nachdem mich neulich an der Kottibrücke zwei türkische Frauen abgewunken hatten, die dann nur zögerlich näher kamen, um mich genau zu betrachten und mich daraufhin unsicher fragten: „Türke?!“, ich den Kopf schüttelte und sie sich wieder abwandten mit den Worten „Nein, dann nicht!“, wunderte ich mich wenig später auch nicht, als mich ein 17-jähriger Abiturient und Greenday-Hörer im „ersten Beruf“ als Polier oder Bauarbeiter einordnete. Als ich das richtig stellte, indem ich behauptete, dass ich Gehirnchiurg sei, wunderte er sich dann ein paar Mal um die Ecken.

Abends nahm ich dann diesen Auftrag an, der mich ins Cafe STYLE hinterm Ostbahnhof führte. Jede Menge betrunkene englischsprachige Kerle vor und in dieser Gaststätte. Drinnen wusste niemand mehr, wer hier nun die Taxe bestellt hatte und ich trat schon den Rückzug an, als mir doch noch wer hinterher torkelte und mich mit glasigem Blick anlallte, dass er gerne mitfahren wollen würde. Es war einer von diesen Betrunkenen, die witzigerweise noch bemüht sind, sich ihren Zustand nicht anmerken lassen zu wollen, obwohl sie längst die Kontrolle verloren haben. Das war auch in diesem Fall fast bühnenreif.

Lallen ist schon schwierig zu verstehen, aber Englisch und Lallen ist eine Herausforderung. Immerhin war der Typ bemüht. Nach dem standesgemäßen HOW ARE YOU, erzählte er mir, dass er ins Radisson Blue Hotel am Alexanderplatz müsse. Kein Problem, kenne ich ja und fahre ihn dahin. Unterwegs offenbart er mir, dass er aber erst auf sein Zimmer müsse, um seine Kreditkarte zu holen, weil er sonst nicht bezahlen könne. Okay, sowas ist knifflig, wenn die Leute so stramm sind, aber ich ließ mich darauf ein. Angekommen direkt am Hotel begleitete ich den Alkobloke (schöne Wortkreation, oder?!) hinein zur Rezeption. Wir mussten kurz warten, weil da noch andere was wollten und dann versuchte er sich zu erklären, was das Problem sei. Das Einzige, was er allerdings zu bieten hatte, war seine Zimmernummer und seinen Namen, sonst nichts. Der freundliche Herr an der Rezeption teilte ihm daraufhin erstaunt mit, dass es diese Zimmernummer gar nicht gäbe und der Name auch nicht registriert sei. Upps...?!

Mein Fahrgast steckte daraufhin schwankend seine beiden Hände in die Taschen seiner Jeans und zog eine Karte hervor, die er auf den Tresen legte. Der Rezeptionsmann nahm sie und sagte: „Ah, okay, now I understand. You have to go to the Park Inn! This ist the wrong hotel, sorry.“ Als ich dem Feierkopp daraufhin erzählte, dass er aber definitiv Radisson Blue gesagt hätte, meinte er nur „Yes man, sorry, my fault, I'm so sorry!“

Wir zwei beiden also wieder zurück in die Taxe und fix rübergefahren zum Park Inn. Sind ja bloß 500 Meter. Ich halte wieder direkt vorm Eingang, mache den Motor aus und wir steigen beide aus. Zu meiner Überraschung setzt sich mein Fahrgast aber erstmal auf einen der Betonpoller, die direkt am Eingang aufgestellt sind. Und was ich dann sehe, ist wie aus einem Comic. Der Typ legt seinen Kopf in den Nacken und kotzt im hohen Bogen einen flüssigen Schwall aus unverdautem Alkohol aus. Er bemüht sich dabei noch, nicht das Taxi zu treffen, was ihm auch fast gelingt. Ich schaue ihn an. Er ist total fertig und ein langer Schnodderfaden hängt ihm aus der Nase. Ich gehe pragmatisch zum Kofferraum und hole die Rolle mit den Einmaltüchern raus, reiße ihm drei, vier Blätter ab und gebe sie ihm. Sein „Thank you“ vermischt sich mit dem nächsten Würgegeräusch. Ich entferne mich vorsichtshalber ein paar Meter, denn er hat eine beachtliche Reichweite. Könnte olympische Disziplin werden, denke ich so bei mir. Weitkotzen. Die Hotelgäste, die ein und ausgehen, schauen angewidert zu uns rüber. Ich bin zwar skeptisch, ob ich noch meine Kohle für die Fahrt bekomme, habe aber durchaus meinen klammheimlichen Spaß. Es dauert noch so ein paar Minuten, bis er sich komplett ausgekotzt hat, dann gehen wir gemeinsam zur Rezeption und ich wünsche mir insgeheim, dass er sich vielleicht nochmal in dem schicken Foyer übergibt. Leider nein. Gleich drei Hotelangestellte kümmern sich rührend um uns. Einer checkt das Zimmer aus, ein anderer begleitet ihn und ein Dritter bleibt bei mir und lässt sich die Geschichte erzählen. Alles nette Leute, durchaus empathisch. Nach ca. 10 Minuten habe ich meinen Fahrgast zurück und wir gehen gemeinsam zum Taxi um abzurechnen. Auf dem Weg dahin entschuldigt er sich ungefähr fünf Mal bei mir. Es täte ihm alles unsagbar leid, es wäre ihm total peinlich und er sei mir so dankbar, dass ich ein so cooler Cabdriver bin. Ich wertschätze das sehr, denn diese Kombination aus „totalem Kontrollverlust“ einerseits und des „Sich Erinnerns“ an die Basics von Respekt und gutem Benehmen, habe ich noch nicht sonderlich oft erlebt. Bei Männern schon gar nicht.

So buche ich ihm den Preis für die Fahrt gelassen vom Konto ab und wir verabschieden uns per Handschlag(nachdem ich mich vergewisserte, dass seine Hand kotzefrei ist). Hihi, habe gerade mal nachgeschaut, was KOTZEN auf englisch heißt. Eine Bezeichnung dafür ist tatsächlich TO HONK!

.