POCKETPUNK

Seit November 2012 ist mein Buch "PUNKROCKTARIF - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte" erhältlich. 51 Taxigeschichten für 10 Euro. Bestellt es direkt bei mir (newyok@gmx.de) oder beim Verlag. Gegen_Kultur

Seit Mai 2014 gibt es die überarbeitete Nachauflage.

Hier nun eine Geschichte 03/19:

Schnauzbartgeschichten

Kleider machen Leute! Und Schnauzbärte erstrecht! Ich hab'n Fehler gemacht. Hatte mich etwa 10 Tage lang nicht rasiert und dann alles weggemacht bis auf über der Oberlippe...bis auf über der Oberlippe, genau! Und so seitlich an den Mundwinkeln ging es noch fast vorbei. Schnauzbart, ey! Einige Freund*innen haben das ignoriert, andere haben sich spontan erschrocken und direkt „...sieht scheiße aus“ rausgehau'n. Naja, Lob wollte ich auch nicht dafür. Ich fands halt mal witzig. Veränderung und so.

Und dann rein ins Taxi und Schicht fahren mit dem Ding. Wow! Da passieren plötzlich ganz andere Dinge als sonst. Vielleicht auch Zufall. Zuerst begegneten mir drei Männer so in den 30ern. Haben gewunken in der Nähe vom Hauptbahnhof, das ist eher ungewöhnlich. „Normale“ Klamotten, nix Auffälliges. Der Vornesitzer mit Glatze und ner Dose Bier. Die hinten so Jeanstypen, 180 – 190 groß. Die wollen zum Alexanderplatz. Okay. Frage sie, warum sie nicht am Bahnhof ne Taxe genommen haben. Sie drucksen rum, haben es anscheinend probiert, hat aber wohl nicht geklappt. Könnte wegen dem Bier gewesen sein oder wegen einem falschen Spruch, ich weiß es nicht, sie sagen es auch nicht. Dann fragen sie nach dem Kitkatclub. Ob ich den kennen würde. Meine Standardantwort: Nicht von innen! Einer von denen:

„Da ficken die auf der Bühne und so, stimmt doch nä?! Stimmt doch!?“

„Jau, soll wohl vorkommen!“

antworte ich etwas gelangweilt. Das merken sie und einer fragt:

„Wo kann man denn hier sonst noch so hingehen?!“

Icke: „Mensch Jungs, das kommt doch drauf an, worauf ihr Bock habt. Auf welche Leute habt ihr Bock, auf welches Ambiente, auf welche Musik?!“

Kurzes Schweigen. Dann er vorne etwas zögerlich: „Na,...wo Deutsche sind!“

Ich bin nicht überrascht. Das passt gut zum Gesamteindruck. Mir entrückt ein kurzes „Echt?!“ Er relativiert seine Aussage insofern, dass er meint, dass sie jedenfalls nicht in eine Shisha-Bar wollen. „Aha!“ nicke ich. „Da seid ihr jetzt aber an den Falschen geraten!“ erkläre ich und sehe die verdutzen Gesichter. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass ich einen Schnauzbart trage. Ich konfrontiere jetzt meine stolzdeutschen Fahrgäste damit, dass sich hinter bzw. über meiner Oberlippenfrisur eine anarchische Denke verbirgt. Ich frage erstaunt nach, ob das wirklich das ist, was ihnen wichtig sei!? Nach Berlin kämen die Leute normalerweise, weil es hier international zugeht, weil in den Clubs ein buntes Durcheinander abgeht und weil genau das hier kuul ist. Ich halte den Jungs einen etwa einminütigen Vortrag, dann ist Ruhe. Sie sagen gar nix mehr. Sprachlos. Und ich freue mich über meinen Schnauzer und die Verwirrung. Hihi!

Die andere krasse Begegnung hatte ich mit 2 BFC-Hools, die in mir einen potentiellen Verbündeten sahen. BFC, vierte Liga, spielt immer in einem kleinen Stadion in der Lehrter Straße. Meistens gehen die Zuschauermänner danach dann in kleinen Gruppen Richtung Hauptbahnhof. Klaro begleiten die Bullen sie und klaro warten auch Bullen am Bahnhof auf sie. Ich stehe am Bahnhof an der Taxihalte und denke so: Hm, hab jetzt grad gar nicht so richtig Bock, dass mir von den Jungs jetzt welche ins Taxi springen, da klopft es dreimal an meiner Seitenscheibe. Ich drehe den Kopf, schaue schräg nach oben und sehe einen gesichtstattowierten Kerl mit gestresstem Gesichtsausdruck.

„Wat is'?!“ frag' ich.

Er: „Wir müssen nach Lichtenberg!“

Ich: „Ja, dann steig doch ein, man!“

Im gleichen Moment steigt sein Kumpel schon auf der anderen Seite ein. Ziemlich breit, aber durchaus freundlich:

„Tach! Wönnichstraße!“

Ich fahr los, kenne die Straße.

„Endlich mal'n Berliner!“ lobt mich das Gesichtstattoo.

Ich frage, wie das Fußballspiel ausgegangen ist und erfahre, dass der BFC 1:0 verloren hat. Meine Fahrgäste sind ein bisschen spooky, aber dadurch, dass sie mit ihrem „Berliner Fahrer“ schon ihren Frieden gemacht haben, kann ich mich halbwegs entspannen. Außerdem trage ich ja einen Schnauzbart und bin auch tattowiert. Dass da OLD BUT PUNK auf meinem Arm steht, sehen sie nicht, aber vielleicht wäre auch das für sie okay, keine Ahnung. Eigentlich wohl eher nicht. Kurz nachdem wir den Hauptbahnhof verlassen haben, wird es geschäftig hinter mir. Erst denke ich, dass ihnen zu warm ist und sie deshalb ihre Jacken ausziehen, aber dann kann ich beobachten, wie sie sich wieder ihre BFC-Klamotten überziehen, die sie vorher offenbar verdeckt hatten. Ich reime mir meinen Teil zusammen. Als gekennzeichneter BFCler erkennen dich die Bullen und du kriegst Stress. Also Wechselklamotten. Clever, kenn ich aber irgendwo her! ;)

Randale oder so scheint es aber gar nicht gegeben zu haben. Einer von den Beiden hat lediglich ein paar Aufkleber an die Bullenwannen geklebt und das feiern sie ab.

„Aaaalter! Und du gleich 3 Stück! Aaaalter!“

Mir kommt das vor, wie ein Comic. Sie kichern und giggeln vor sich hin. Dann telefoniert einer von denen mit seiner Freundin. Riesenproblem! Er hatte gesagt, dass das Spiel noch 7 Minuten dauern würde und sie hatte verstanden, dass er in 7 Minuten zuhause ist. Böser Konflikt. Er versteht nicht, dass sie das nicht verstanden hat. Gespräch beendet.

Der eine: „Wie redet die mit mir? Ich fahr da nicht mehr hin!“

Der andere: „Bleib kuul! Is'ne Frau!“

Diesen Dialog wiederholen sie noch einige Male und wir kommen langsam aber sicher in Lichtenberg an. Sie bezahlen mit gutem Trinkgeld. Fremder Planet für mich, aber auch mal interessant. Keinerlei Ekligkeiten, aber ungewohnte Sprache und Umgangsformen. Ruppige Männer. Eine dieser Begegnungen, wo ich froh sein kann dass ich weiß, männlich und deutsch gelesen werde. Kolleg*innen, die dem nicht entsprechen, hätten vermutlich eine angstvolle Fahrt erlebt. Vielleicht auch nicht...Ich konnte mich jedenfalls verstecken hinter meinem Schnauzbart. Am nächsten Tag habe ich ihn wieder abgeschnitten.

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